Selbstverteidigung für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung

Die buntgemischte Gruppe aus 16 Menschen jeden Alters steht in der Gymnastikhalle der blista vor einem Banner von Pro Retina, DBSV und Ju-Jutsu-Verband. Darauf steht: „In der Dunkelheit liegt die Kraft.“

Silke Wranik | Der BSC Samurai Marburg e.V. und der Hessische Ju Jutsu Verband setzen erfolgreiches Konzept fort.

Zum dritten Mal in Folge richtete der BSC Samurai Marburg e.V. einen Selbstverteidigungs- Workshop für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung aus. An einem sonnigen Wochenende trafen sich 17 motivierte Teilnehmer*innen, darunter 12 sehbeeinträchtigte oder blinde Personen, in der Gymnastikhalle der blista, um Strategien zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung zu lernen.

2 Fotos: Zwei Menschen bei einer Übung auf einer Bodenmatte, eine Person liegt auf dem Boden, eine über ihr kniende Person hält ihre Hände fest. Auf dem Folgebild befreit sich die untere Person aus dieser Position.

Der Workshop wurde fachkundig von Juan de la Fuente Briones geleitet, der unter anderem den 6. Dan Ju Jutsu trägt, Referent für Lebensältere, Behinderung/ Inklusion im Ju Jutsu Verband Rheinland- Pfalz ist und seit über 50 Jahren auf der Matte steht – seit 2022 blind.

Mit der fleißigen Hilfe der anwesenden Trainer*innen aus dem BSC Samurai konnte Juan so ganz authentisch seine zwei großen Themen vermitteln:

Ein junges Mädchen hat das linke Bein angewinkelt, um gegen eine aufrechtstehende Matte zu treten und bekommt von einem neben ihr stehenden Lehrer Anweisungen.

„Mach dich stark!“ und „Viel zu lernen du noch hast!“ – wobei sich Letzteres sowohl auf die seheingeschränkten Teilnehmer*innen bezog, die noch viel im Bereich Selbstverteidigung lernen können, als auch auf die Trainer*innen, für die dies im Bereich der Blindenpädagogik gilt. Neben einigen konkreten Techniken (z.B. gegen unerwünschtes Greifen am Arm oder Handgelenk) gab es auch ganz viele Möglichkeiten, Körper- und Bewegungserfahrungen zu machen, die man sich als seheingeschränkte Person vielleicht erst einmal nicht unbedingt zutraut. Mit riesigem Elan ließen sich alle Teilnehmer* innen darauf ein, zu boxen, zu treten, zu schieben oder zu ziehen, laut zu sein, also kurz gesagt, sich zu wehren! Auch in dem auf diese Weise vorbereiteten „Stresstest“ am Ende gab es niemanden, der aufgegeben hätte: Alle Teilnehmer*innen schafften es, sich aus einer Situation zu befreien, in der sie zuerst von mehreren Personen in die Ecke gedrängt wurden, dann mit Schlag- polstern attackiert wurden und zuletzt zu Boden gebracht und dort festgehalten werden sollten.

Die Teilnehmer*innen berichteten hinterher von einem hohen Adrenalinpegel und davon, dass sie in dieser Situation nicht mehr über einzelne Techniken nachdenken konnten, aber dass sie ihren Kopf „abschalten“ und sich „irgendwie“ wehren konnten. Die beobachtenden Trainer*innen konnten eine tolle mentale Einstellung, unglaublich viel Energie und auch einige der zuvor geübten Techniken bei den Teilnehmer* innen beobachten. Ein tolles Ergebnis nach nur zwei Tagen Workshop!