Krimi-Buchtipps

Buchcover von Christine Brand „Der Unbekannte" - dunkler Hintergrund, eine Silhouette eines Mannes im Gegenlicht.

Kriminalroman/Doppelpack Der Unbekannte - Christine Brand 

Der Unbekannte ist der vierte Band von Christine Brand in der Reihe um die Journalistin Milla Nova und den feschen Kriminalkommissar Sandro Bandini. Wie bereits in den ersten beiden Bänden Blind und Die Patientin spielt auch in dieser Geschichte der blinde Nathaniel eine tragende und teils auch tragische Rolle. Der Krimi startet furios. Also für Kuddelmuddel ist von Anfang an gesorgt. Margret, Ü70 hat Sex mit Ronnie, ebenfalls Ü70. Ronnie bricht leblos auf Magret zusammen. Herzinfarkt, basierend auf einer Überdosis Viagra? Könnte man vermuten. Ronnie ist aber gar nicht Ronnie. Rein zufällig ist Magret auch noch die Mutter von Milla und diese erkennt die wahre Identität von Ronnie sofort. Derweil pflegt Nathaniel ein Verhältnis mit Gundula, einer Kleinwüchsigen, die eine Tierhandlung betreibt. Gundula möchte ein Kind von ihm, aber Nathaniel ist der Form halber mit der lesbischen Carole verheiratet, damit diese das Sorgerecht für Silas, ihren Sohn, behalten darf. Eine Zweckehe, aber Nathaniel fühlt sich für beide verantwortlich und mit ihnen auch sehr wohl. Zudem ist Milla auch noch schwanger aber eine Fehlgeburt droht. Sie bräuchte Ruhe, die sie aber nicht hat. Und ist sie überhaupt bereit, mit ihrem Liebsten mehr als nur eine Fernbeziehung einzugehen? Zweifel sind da mehr als angebracht. Das alles auf den ersten Seiten, da dachte ich mir: mach ma‘ langsam, sonst komm ich nicht mehr mit! Und dann gibt es ja noch die Parallelhandlung. Nathaniel wurde von seinem Vater, der vor Jahrzehnten die gesamte Familie erschossen hat, so schwer verletzt, dass er dadurch mit 11 Jahren erblindete. Irgendwie hat Nathaniel es geschafft, in dieser Situation seinen Vater zu töten und so sein eigenes Leben zu retten. So lautete jedenfalls die polizeilich bestätigte Geschichte, an die Nathaniel allerdings keine Erinnerung mehr hat. Aber was, wenn es gar nicht so gewesen wäre? Die Autorin schickt den 40-jährigen Nathaniel auf die Suche nach der Wahrheit und damit auf eine Reise in die Vergangenheit, in eine Zeit, als noch echte linke Terroristen in der Schweiz ihr Unwesen trieben und Geheimdienste ihre Verwicklungen in den Terror gut zu verheimlichen wussten, also alles so wie immer. Natürlich bekommt Nathaniel von Milla und seiner alten Wohnungsnachbarin Veronika bei der Suche nach der Wahrheit Unterstützung. Das Strickmuster, nach dem Christine Brand vorgeht, ist bereits in den vorangegangenen Bänden erprobt worden. Aus beruflichen Gründen kommunizieren Milla und Sandro genauso viel bzw. wenig miteinander, dass sich die Lösung des Falles verzögert. Das Motto von Milla: Nachher erzähle ich ihm alles, aber vorher mache ich noch eine große Dummheit. Der Spannung wegen wird natürlich jede gefährliche Aktion auf eigene Faust in Angriff genommen, ohne andere darüber zu informieren. Ja Leute, wenn man rational und vernünftig handeln würde, dann gäbe es kaum lesenswerte Thriller – nur wenn die Protagonist*innen so deppert tun, dass man sich an den Kopf fassen möchte, dann kommt so richtig Spannung auf. Klar, dass gerade in diesem Fall ein gesundes Misstrauen der Polizei gegenüber auch angebracht wäre, denn gerade, wenn es um Dinge geht, in die Geheimdienste involviert sind, stirbt ja die Wahrheit bekanntlich als erstes – führt aber zu spannenden Stories, wie in diesem Fall. 

Christine Brands Stärke und Schwäche zugleich, wie man es eben mag, ist ihr „empathischer“ Schreibstil. Egal was auch Schreckliches passierte, so eine Art Feelgood-Feeling verschwand bei mir nie ganz beim Lesen. Aber es gibt tolle Überraschungen zum Schluss – ich sach‘ nur: Familienzusammenführung. 

Buchcover von Christine Brand „Der Feind“ in dunklen Tönen mit roten Farbakzenten versehen. Aufkleber „Spiegel-Bestseller“.

Der Feind - Christine Brand 

Der fünfte Band von Christine Brand Der Feind führt uns in die Incel-Szene. Bern wird von einem Terrorakt erschüttert. Ein Mann schießt in einer Frauendisco um sich und tötet 14 Frauen. Gleichzeitig kommt es zu einem bizarren Mord: Ein Mann wurde an sein Bett gefesselt und hingerichtet. An den Füßen trägt er rote Stöckelschuhe über seinem Penis ein kleines Söckchen, das Gesicht wird von einer Pestmaske bedeckt. Natürlich werden noch weitere Morde folgen. Das Motiv? Hass auf das andere Geschlecht. Für die bewährten Zutaten sorgt Christine Brand fürsorglich, denn gerade in solchen Extremsituationen verlangt es Leser*innen nach Bekanntem, nach Sicherheit. Wieder gilt es zwei Fälle parallel zu lösen. Das Duo Milla und Sandro, sie Journalistin, er Polizist, dürfen und können aus beruflichen Gründen nicht offen miteinander kommunizieren, das erhöht wie immer die Spannung. Und wieder neigen alle Beteiligten zu risikoreichen Alleingängen und natürlich hat jeder gute Gründe dafür. Manchmal schimmert ganz kurz so etwas wie Erkenntnis durch: „Vielleicht war es doch ein Fehler, allein herzukommen.“ Aber keine Angst, hier lernt niemand dazu.

Und wenn dann noch jemand sagt: „Du musst dir keine Sorgen um … machen!“ – heißt das übersetzt: „Jetzt wird es aber so richtig eng." Diesmal bekommt der blinde Nathaniel sein Fett so richtig ab. Aber trotz aller Tragik und auch wenn die Geschichten von Christine Brand immer ungemütlicher werden, schafft sie es, dass am Ende der Geschichte ein schmaler, heller Streifen am Horizont sichtbar wird. Allerdings für meinen Geschmack hätte in der Geschichte etwas mehr Zug drin sein dürfen. Aber alles in allem hat Christine Brand ganz ordentlich geliefert und es wieder Mal ganz gut geschafft, den blinden Nathaniel ohne viel Aufhebens in ihre Geschichten zu integrieren. Das ist zwar nicht gelebte Inklusion, aber geschriebene.