Buchtipp Biografie: Ohne Ansehen der Person

Buchcover: André Stahl - Ohne Ansehen der Person

Ohne Ansehen der Person – Wie ich als blinder Richter Menschen begegne - André Stahl

„Ich weiß, dass Teile unserer Gesellschaft vielleicht nicht auf Menschen wie dich warten, dass sie dir Steine in den Weg legen und dich so, wie du bist, vielleicht nicht haben möchten. Auf mich haben sie auch nicht gewartet. Aber schließlich bin ich trotzdem zur Party erschienen, einfach so, ganz ohne Einladung. Zwar etwas später als manch anderer Gast, aber besser spät als nie.“

„Dr. André Stahl, geb. 1988 in Gummersbach, kam mit einer starken Sehbeeinträchtigung auf die Welt: auf einem Auge komplett blind, auf dem anderen fast. Er kämpfte sich durch, machte sein Abitur, studierte danach in Münster Rechtswissenschaften und promovierte. Heute ist er Betreuungsrichter an einem Amtsgericht im Sauerland.“

Was sich im Klappentext so kurz und knapp liest, wird auf 280 Seiten mit prallem Leben gefüllt – das mit dem „kämpfte“ darf man ruhig wörtlich nehmen. In André Stahls erstem Kampf ging es darum, an einer Regelschule vor Ort beschult zu werden und dort auch das Abitur machen zu dürfen. Seine Mission: den Förderschulen erfolgreich zu entkommen. Es war die Zeit der stillen Inklusion – das Motto lautete: Wenn du nicht auf eine Förderschule willst, dann sieh zu, wie du an der Regelschule zurechtkommst, und beschwer dich nicht, wenn es nicht so gut läuft, wie du es dir vorgestellt hast. Ohne die Unterstützung seiner Familie (u.a. wurden von seiner Mutter längere Texte auf Kassette aufgelesen), seine eiserne Disziplin, sein gutes Gedächtnis und den unbedingten Willen, seine selbst gesteckten Ziele zu erreichen, der Welt zu zeigen, was man trotz Sehschädigung zu leisten im Stande ist, hätte er wohl in dieser Schlacht bereits die erste, vielleicht sogar entscheidende Niederlage erlitten. Für einen Sieg war er auch bereit seine „Jugend zu opfern“, denn aufgrund seiner Sehbeeinträchtigung brauchte er tagein tagaus für den zu lernenden Schulstoff länger als seine sehenden Mitschüler*innen. Folglich hieß es für ihn: Lernen statt Leben - also auf all das aus zeitlichen Gründen zu verzichten, was andere in seinem Alter so als Leben bezeichnen würden: ausgehen, Party machen, sich mit Freunden treffen.

Nach gewonnener Schlacht, Abi als Jahrgangsbester trotz Sehbeeinträchtigung, zog er gleich in den nächsten Kampf. Lediglich ausgestattet mit einem Bildschirmlesegerät, einem Lupenstein, einer guten Handschrift und familiärer Unterstützung beim Textesuchen und Auflesen begab er sich ins Gefecht. Sich professionelle Beratung zu suchen, Hilfe außerhalb der Familienbande anzunehmen, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht so sein Ding. Für das Erlernen der Brailleschrift als arbeitserleichternde Unterstützung war es auch längst zu spät. Wieder – aber in einem bisher nicht gekannten Ausmaß – hieß es für ihn: büffeln, bis der Arzt kommt. Und das ist nicht als bloße Metapher zu verstehen.

Während des Studiums quälte ihn ein steter Tinnitus, seine Schreibhand verkrampfte wegen Überlastung, die Augen begannen zu schmerzen und man kann es sich schon fast denken: ein soziales Leben fand nur sporadisch statt und schon gar nicht während der Prüfungsvorbereitungsphasen, die mit einer Sehbeeinträchtigung einen nicht unbedeutenden Teil seines Jurastudiums ausmachten. Sieben Tage in der Woche lernen, oftmals ohne große Unterbrechungen, wurden für ihn zur Regel, denn es musste ja noch der Doktor in Jura draufgepackt und das Studium und das Referendariat mit einem Prädikatsexamen abgeschlossen werden. Sein Ziel immer vor den schwachen Augen: das Richteramt.

André Stahl ist in diesen Jahren rücksichtslos gegenüber sich selbst und dem eigenen Körper. Sein Jurastudium war ein klarer Verstoß gegen die UN-Antifolterkonvention - jedenfalls in den Augen des Verfassers dieser Zeilen, der sich gemütlich durch ein Pädagogikstudium geräkelt hat. Für den Rezensenten lasen sich viele Passagen im Buch wie der reinste Horror - Steven King hätte es nicht besser machen können. Eine Frage, die sich beim Lesen deshalb jedem sofort stellt: Warum tut sich André Stahl so etwas an? „Überall auf den Straßen liegt verwelktes Laub. Ich spüre keinerlei Glück und keinen Triumph, sondern nur die totale Erschöpfung, als ich durch die Kälte trotte. Meine Schreibhand schmerzt. Mein rechtes Auge ebenfalls. In meinen Ohren pfeift der Tinnitus nervtötend.“ Für was diese ganze Quälerei? Genau diese Fragen stellt sich auch André Stahl und er kann seine Motive und seinen Antrieb für die Leser*innen zufriedenstellend beantworten. Das Buch ist in jeder Hinsicht gut strukturiert geschrieben und kurzweilig zu lesen. Faszinierend, spannend und einfühlsam sind auch die Fallbeispiele aus seinem Amt als Betreuungsrichter. Alle, die das Leben oder eine Krankheit in den Wahnsinn getrieben hat, würden sich wünschen, vor ihm als verantwortlichem Richter zu stehen, wenn es um Vormundschaft oder freiheitsentziehende Maßnahmen für sie ginge. Ohne Ansehen der Person ist eine lesenswerte Biografie über einen Menschen mit dem absoluten Willen sein Ziel zu erreichen, ohne dass Herzlichkeit und Empathie auf dem Weg dorthin verloren gegangen sind.

Blistaner*innen mit dem Traum, einmal Jura zu studieren, gar Richterin oder Staatsanwalt werden zu wollen, sollten vorher auf jeden Fall zu diesem Buch greifen. Gibt es auch bereits als Hörbuch! Eine bessere Einführung ins Jurastudium werdet ihr so schnell nicht erhalten!

Das Buch von André Stahl ist als Hörbuch in der Leselust-App der „Deutschen Blinden-Bibliothek“ zu finden.