Nachruf auf Jürgen Hertlein

Jürgen Hertlein steht in der blista-Sporthalle vor einem Mikrofon, vor ihm liegt ein Torball.
Jürgen Hertlein

„Begegnungen mit Menschen waren für ihn das Wichtigste“

Thorsten Büchner

Ende November letzten Jahres verstarb der langjährige Direktor und Vorstandsvorsitzende der blista, Jürgen Hertlein, im Alter von 83 Jahren in seiner Wahlheimat Marburg.

Jürgen Hertlein war von 1978 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2007 federführend an der Weiterentwicklung der blista (Deutsche Blindenstudienanstalt e.V.) beteiligt und prägte mit seiner zugewandten, zupackenden Art das Bild der blista nach innen und außen.

Jürgen Hertlein war ausgebildeter Blindenpädagoge und arbeitete von 1968 bis 1973 zunächst als Lehrer im Blindeninstitut in Würzburg, bevor er diese Einrichtung ab 1973 bis zu seinem Wechsel nach Marburg leitete. Hier trieb Jürgen Hertlein fast 30 Jahre lang zusammen mit den Mitarbeiter* innen die Entwicklung der blista voran, initiierte neue Projekte und legte viele Grundsteine, die aus der heutigen blista nicht mehr wegzudenken sind.

Jürgen Hertlein, Patrick Temmesfeld und Claus Duncker stehen festlich gekleidet an einem Stehtisch.
Drei Generationen Vorsitzender

Folgende Passage aus der Fachzeitschrift „horus“, die von der blista gemeinsam mit dem DVBS herausgegeben wird und in der sich Jürgen Hertlein 2007 von den Leser*innen verabschiedete, gibt einen charakteristischen Einblick in seine Persönlichkeit: „Mein Erinnerungsoptimismus hilft mir, schwierige Zeiten klein zu sehen und das Gute und Schöne in meiner beruflichen Laufbahn groß. Mehr als 1.000 Schülerinnen und Schüler haben in meiner Amtszeit ihr Abitur bestanden. Viele treffe ich auf Tagungen in wichtigen Funktionen der Selbsthilfe wieder. Es tut gut zu sehen, wie sie ihr Leben meistern.“

Der Kontakt zur Selbsthilfe war Jürgen Hertlein stets ein Anliegen, was sich auch bei seiner Trauerfeier ausdrückte. Neben Weggefährten aus den verschiedenen beruflichen Stationen waren zahlreiche Vertreter*innen des DBSV und DVBS gekommen, um von Jürgen Hertlein Abschied zu nehmen.

Für die Blindenselbsthilfe sprach Andreas Bethke, Geschäftsführer des DBSV und ehemaliger blista-Schüler. Darüber hinaus wurde auf der bewegenden Trauerfeier auch das weitere Wirken von Jürgen Hertlein als Kommunalpolitiker, als Vorsitzender des Sportkreises Marburg und als langjähriger Präsident des Frauen-Basketballteams aus Marburg gewürdigt.

Für die blista hielt der direkte Nachfolger von Hertlein im Amt des blista-Vorstands, Claus Duncker, die Trauerrede, die wir im Nachfolgenden gerne abdrucken möchten: „In einem Magazin der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe fand ich letzte Woche folgendes Zitat der Mutter eines blinden Kindes: „Mein Sohn studiert jetzt in Marburg, lebt selbständig in einer kleinen Wohnung und meistert seinen Alltag mit einer Selbständigkeit, die mich mit unendlichem Stolz erfüllt. Ich bin überzeugt, er wäre niemals so selbständig geworden, wenn er in der blista-Wohngruppe nicht so gut und früh gelernt hätte, seinen eigenen Weg zu gehen.“

Als Jürgen Hertlein 1978 nach Marburg kam, stand die blista nach sehr turbulenten Jahren vor großen Herausforderungen. Gerade war das bundesweit einmalige dezentrale Wohnkonzept und die Eröffnung eines Gymnasiums für Schüler*innen mit Sehbehinderung beschlossen worden, aber beides war absolutes Neuland.

Nicht wenige Expertinnen und Experten beobachteten gerade den Aufbau und die Umsetzung des Wohnkonzeptes mit blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern in Wohnungen über die ganze Stadt verteilt äußerst kritisch. Doch Jürgen Hertlein war bereit, für diese Idee der Selbständigkeit und Selbstverantwortung zu kämpfen. Er hatte Vertrauen in die jungen Menschen und er stärkte allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegen alle Widerstände den Rücken.

Jürgen Hertlein war Pädagoge und zudem im Förderschwerpunkt Blindheit und Sehbeeinträchtigung qualifiziert. Die Leitung der blista einem Pädagogen übertragen, hat an dieser Einrichtung Tradition und prägt das Bild einer Institution, die Menschen in schwierigen Situationen Unterstützung anbietet, damit sie ihren eigenen Weg gehen können.

Jürgen Hertlein hatte Empathie und ein sehr feines unaufdringliches Gespür, wann er jemandem Hilfe anbieten sollte. Er tat das so natürlich und selbstverständlich, dass man immer das Gefühl hatte, dass er es gerne macht. Dabei half ihm sicher auch seine bayerische gewinnende Persönlichkeit. Jürgen Hertlein hatte immer ein offenes Ohr und seine Bürotür stand für jeden offen. Er war nicht der unnahbare Direktor. Nicht selten sah man ihn bei Sportveranstaltungen der SSG Sportgemeinschaft blista Marburg, zu deren Aufbau und Erfolgen er maßgeblich beigetragen hat. Da war er dann der begeisterte Sportfan und leidenschaftliche Blindenpädagoge im Trainingsanzug seines Vereins SSG. Er übernahm jeden Job, egal ob als Platzanweiser, Balljunge oder Weitenmesser. Wo Hilfe nötig war, war Jürgen Hertlein zur Stelle.

Begegnungen mit Menschen waren für ihn ohnehin das Wichtigste, gerade auch der internationale Austausch. So entstanden in seiner Zeit u.a. intensive Kooperationen der blista mit Schulen in Polen und England, die weiter intensiv gepflegt werden.

 Die blista feiert in diesem Jahr ihr 110jähriges Bestehen. Mehr als ein Viertel dieser Zeit hat Jürgen die Einrichtung geleitet und geprägt. Und noch ein weiteres zeitnahes Zitat aus der obigen Zeitschrift. Da berichtet eine ältere Frau über die Zeit nach ihrer Erblindung:

„Ich war begeistert, was ich alles lernen konnte; meinen Haushalt zu führen, den richtigen Umgang mit dem Blindenlangstock, mit dem Computer zu arbeiten, ohne dass ich auf den Bildschirm schauen muss und vieles mehr. Die blista gab mir die Chance, mein ganzes Leben nach der Erblindung neu zu gestalten.“

Was Jürgen Hertlein als Direktor der blista geschaffen und mitentwickelt hat, wird weiterhin das Profil der blista auch in den nächsten 100 Jahren prägen und bestimmen.“

Jürgen Hertlein wurde nach seiner Dienstzeit in die Mitgliederversammlung der blista gewählt. Hier berichtete er regelmäßig von der Seeber-Stiftung, deren Vorstand er innehatte und dort Projekte der blista unterstützte. Dort fand auch die letzte Begegnung für Patrick Temmesfeld, seinem „Nach-Nachfolger“, mit ihm statt: „Jürgen Hertlein hat sich hier insbesondere dafür eingesetzt, dass die Unterstützung in erster Linie bei den Schüler*innen der blista ankommt. Diese Verbundenheit mit unserer Arbeit und zugleich auch seinen Stolz darauf, dass wir es in seinem Sinne fortsetzen, war so zu spüren, dass es uns fortwährend begleiten wird.“

Wir trauern um Jürgen Hertlein und werden sein Werk, Menschen mit Sehbeeinträchtigungen eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, fortführen.