Heute: Im Rückspiegel

Herr W ist im Rückspiegel eines Autos zu sehen, auf dessen Windschutzscheibe Regentropfen die Sicht auf ein Haus verdecken.

Prolog

Acht starke Arme ergriffen ihn. Herr W hatte keine Chance und landete in voller Montur in der Badewanne der Wohngruppe Lahnstraße 4a. Seine Taufe als Zwischenpraktikant. Jetzt saß er in einer geliehenen Unterhose auf dem Wohngruppensofa und hörte im Hintergrund den Trockner laufen. Aus einem Schülerzimmer schmetterten "Die Ärzte" inbrünstig "Sweet Sweet Gwendoline". Eine Quereinsteigergruppe mit älteren, robusten und übermütigen Schüler* innen, nicht viel jünger als er selbst – das war genau sein Ding.

 „Cappuccino wärmt den Körper, Erinnerungen sind die Wärmflasche der Seele.“ (Herr W)

Noch ein paar Wochen, dann würde er in Rente gehen. Nein, nicht Herr W, der saß wie festgetackert am Küchentisch seiner Wohngruppe in der Biegenstraße 32 und schlürfte seinen Cappuccino. Noch drei Monate, dann würde das alte B-Team nach 20 Jahren Geschichte sein und sein Kollege Manfred sich Rentner nennen dürfen. Abschiede. Die Babyboomer verließen nach und nach das blista-Schiff. Auch Herr W befand sich bereits im Spätherbst seines blista-Lebens und fremdelte, aber sowas von.

Sein jüngeres Ich – schulterlanges, blondgefärbtes Haar, zerrissene Jeans, Mitte zwanzig saß beim Vorstellungsgespräch für ein Zwischenpraktikum in der Wohngruppe Lahnstraße 4a. Das war irgendwann im Frühjahr 1988, eine 25-Prozent-Stelle während seines Pädagogikstudiums. Das Internat wurde gerade von jungen Babyboomern geentert. Oldies, Ü40, hatten zu dieser Zeit eher Seltenheitswert. Das Internat war vor allem eins: jung! Er wurde als Praktikant genommen, wohl weniger wegen seiner Überzeugungskraft. Männer waren damals deutlich unterrepräsentiert und wurden gesucht.

Mit seiner 25-Prozent-Stelle durfte er an keinen übergreifenden Veranstaltungen teilnehmen, nur Gruppendienst machen. Es gab auch keine Einführung für ihn, denn die gesamte Stammbelegschaft der Wohngruppe befand sich zu dieser Zeit im „Mutterschaftsurlaub“ und tröpfelte erst nach und nach wieder ein. Es gab auch kein Orga-Wiki, in dem man heute fast alles nachlesen kann, und die meisten pädagogischen Konzepte waren ebenfalls noch nicht geschrieben, schlummerten noch in den Köpfen der Boomer. Zu dieser Zeit war die blista eine Blackbox für ihn. „Learning by doing“ lautete für ihn also das Motto in der Folgezeit. Für einige Wochen bestand sein Team in der Lahnstraße aus ihm, einer studentischen Krankheitsvertretung und einer jungen Erzieherin, die vertretungsweise in die Wohngruppe geschickt wurde. So wurden aus seiner 25-Prozent-Stelle in manchen Monaten fast 100 Prozent, und drei Nachtdienste am Wochenende am Stück waren keine Seltenheit, schließlich galt es, Studium und „Beruf“ miteinander zu vereinbaren. Wie viele Stunden er überhaupt zu arbeiten hatte oder arbeiten durfte, auch das hatte ihm niemand gesagt. So füllte er fleißig Krankheitsvertretungszettel aus. Dieses Jahr sollte ihn prägen: ungeahnte Gestaltungs- und Mitsprachemöglichkeiten. Unabhängigkeit und Freiheiten, eigenverantwortliches Agieren – das war für ihn von nun an das Synonym für blista und die robuste Grundlage seiner Arbeitszufriedenheit. Nach dem Ende des Praktikums ließ er sich auf die Krankheitsvertretungsliste setzen und lernte so fast alle damaligen blista-WGs von innen kennen.

Am ersten Januar 1991 war es dann soweit. Mit dem Pädagogikdiplom in der Hand wurde er aufgrund seines Y-Chromosoms, vielleicht aber auch, weil er bereit war, in die gerade freiwerdende Erzieherwohnung einzuziehen, offizieller blistaner mit einer Zweidrittelstelle in der Wohngruppe Gisselbergerstraße 21. Im Parterre, die Wohnung der Zivildienstleistenden der blista, im ersten und zweiten Stock die Wohngruppe und Herr W mit seiner Erziehereinliegerwohnung im zweiten Stock. Im darauffolgenden Jahr zog auch noch eine blinde Praktikantin bei ihm ein; mehr blista ging einfach nicht mehr. Und noch was: Die Wohngruppe Gisselbergerstraße 21 kreiste um den Schlagberg mit der Internatsleitung wie der Pluto um die Sonne – meilenweit entfernt. Herr W liebte das dezentrale Konzept.

Im Sommer 1992 spülte ihn die Aussicht auf eine volle Stelle in die Biegenstraße 32, die gerade neu eröffnet wurde – eine Wohngruppe ohne Badewanne! Tja, und seitdem sitzt er da, am Küchentisch mit zugewuchertem Schlossblick und einem Cappuccino. Die ersten Wochen glichen dabei eher einem Pfadfinderlager. Die Umbauarbeiten hatten sich verzögert – wir kennen das heute vom BER oder Stuttgart 21 – die Küche fehlte noch und auch so einiges an Inventar, unter anderem war das Bett für die Nachtdienste noch nicht geliefert worden. Ebenso erging es der neuen SWG im Nachbarhaus – alles, nur nicht fertig. Folglich wurde die SWG-Belegschaft bei ihnen in der Biegenstraße 32 zwischengelagert, insgesamt 12 neue Schüler*innen, die er noch nicht kannte, ein neu zusammengewürfeltes Team und eine fehlende Infrastruktur. Damals konnte man allerdings auch einfach so durchstarten, denn die heutige pädagogische Bürokratie war noch nicht erdacht worden. Es galt am Anfang des Schuljahres noch keine Hilfebedarfsbögen auszufüllen, keine Entwicklungsberichte zu schreiben, man musste keine Förderplanung machen, keine Notfallpläne, keine PC-Zustimmungserklärung ausfüllen und einsammeln, auch kein Sonderbetreuerinfo – damals gab es das Team und die Schüler*innen pur. Und das Beste: alle waren jung und enthusiastisch. Damals - Herrn W entfuhr ein tiefer Seufzer.

Ein Schwarzweißfoto eines jugendlichen Kollegen

Damals - der Sehnsuchtsort der alten Knacker

 Damals, das war die Zeit, als niemand Bock hatte, die Lebensmittelkasse zu machen. Für die Abrechnung, die noch nicht monatlich erfolgte, sondern in größeren Abständen, mussten alle Bons über die Wochen gesammelt und anschließend mit einem Taschenrechner addiert werden. Fehlte ein Bon, weil die Schüler*innen ihn beim Einkauf vergessen oder verloren hatten, hieß es: Losziehen und nach einem akzeptablen Ersatzbon in den Einkaufswagen und Papierkörben der Supermärkte wühlen - Herr W als Vorläufer der Pfandflaschensammler.

Damals, das war noch vor dem obligatorischen Einbau von Rauchmeldern in den Wohngruppen, als man im Team zu viert mit der Reinigungskraft in der Küche saß und sich eine Zigarette nach der anderen anzündete, bis man sein Gegenüber nur noch schemenhaft erkennen konnte.

Damals, das war die Zeit, als das Rauchen ab 16 Jahren noch nicht wirklich als Problem angesehen wurde. Zu den nikotinreichsten Zeiten in seiner Quereinsteigergruppe rauchten 7 von 8 Schüler*innen und alle Betreuer*innen nebst Reinigungskraft - in der Küche, in den Zimmern, auf dem Klo und sonst noch wo. Doch der Wind drehte sich bereits. Nur ein paar Jahre später saß Herr W im Wohnzimmer der WG und schaute sich Raucherentwöhnungsvideos mit Raucherbeinen und Teerlungen an und hörte sich die Krebsgeschichten der Marlboro-Cowboys an. Trotz allem, damals war es einfach noch undenkbar, dass Freiheit und Abenteuer auf dem blista-Gelände eines Tages nur noch in einer abgelegenen Raucherecke neben den Mülltonnen vollzogen werden dürften.

Damals war Erwachsenwerden, sprich Coolsein, noch recht einfach zu haben: Feuerzeug und Zigaretten, mehr brauchte es nicht und ab 16 war unvernünftig sein sogar ganz legal und die Preise dafür waren noch angemessen. Damals, das war aber auch die Zeit, in der man Schüler*innen noch mit Dosenravioli oder einem guten, selbstgemachten Erbseneintopf begeistern konnte. Heute würde Herr W mit dem Suppentopf alleine im Wohngruppenesszimmer beim Abendessen sitzen.

Damals wurde auch nicht aus Gesundheitsgründen gegessen. Proteine hat man nicht zum Muskelaufbau verzehrt, sondern weil sie schmeckten. Der Körper galt noch nicht als Tempel, und die sozialen Medien trieben aufgrund ihrer Inexistenz noch nicht eine Sau nach der anderen durchs Dorf, sondern die Sau kam auf den Teller. Damals galt Herr W noch als Ernährungsgott, heute muss er viele Youtube-Ernährungsgötter neben sich erdulden - Abschied vom Monotheismus.

Damals, das war auch die Zeit mit nur einem Wohngruppentelefon, also so einem Gerät mit einem langen, langen Kabel. Unmittelbar daneben standen der sprechende Einheitenzähler und eine Schreibmaschine zum Notieren der vertelefonierten Einheiten. Eine einzige Verbindung zur Außenwelt. Und einzig meinte einzig. Die Konflikte um die Telefonzeiten: legendär. Privatsphäre oder Datenschutz? Herr W wusste immer Bescheid! Wer wen anrief war kein Geheimnis, denn die privaten Einheiten mussten mit der Schreibmaschine notiert werden, damit Herr W sie später individuell abrechnen konnte. Von einer Flatrate hatte damals noch niemand gehört. Und stundenlanges Telefonieren konnte schon mal was kosten. Und wenn diese Kosten nicht korrekt eingetragen waren, dann machte Herr W einen auf Sherlock Holmes – Kärrnerarbeit, seitenweise Schreibmaschinenblätter mit der Telefonrechnung abgleichen, so winzig gedruckt, dass er manchmal ein Lineal benutzen musste, um nicht in der Zeile zu verrutschen. Seine Lesebrille kam erst Jahre später. Im Zweifelsfall rief Herr W die unbekannten Nummern an und fragte, ob die Person am anderen Ende denn den einen oder anderen der Bewohner*innen der WG kannte und mit ihm dann und dann telefoniert hatte. Überwachung durch die Geheimdienste, Kinderkram. Heute steht das Gruppentelefon wie ein Fremdkörper unbeachtet im Flur. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich darum geprügelt hatte. Wenn heute ein Anruf kommt, sprintet nicht die halbe WG in der Erwartung eines Anrufes ans Telefon. Der Klingelton - Rufer in der Wüste.

Damals, das war die Zeit, als noch Vorabendserien miteinander konkurrierten. Ein ewiges Konfliktfeld. Aber auch das Miteinanderschauen war nicht ganz so einfach. Zu viele Fans einer Sendung raubten die Sicht - kein Breitbild. Das Fernsehgerät: braune Ware, quadratisch, praktisch, gut mit begrenzter Sichtfläche. Die Art der Sehbeeinträchtigung bestimmte dann den Platz vor dem Bildschirm. Die Gesichtsfeldausfälle seitlich saßen neben dem Bildschirm, je nachdem links oder rechts. Die Maulwürfe saßen ganz vorne frontal und der Röhrenblick schaute von ganz hinten in die Röhre, vor allem dann, wenn der Maulwurf einen Lockenkopf besaß. Ach ja, der Blindfisch konnte überall sitzen. Heute steht der Gruppenflachbildschirm verwaist im Wohnzimmer und alle sitzen oder liegen in ihren eigenen Zimmern und streamen auf dem Handy oder auf dem Laptop – jeder für sich und jeder etwas anderes.  

Abschied von gemeinsamen Erlebnissen große, weite Welt wissen wollte, fragte man - wenn man zu faul war, im Brockhaus oder im Meyers Universallexikon zu suchen – Herrn W, die Wohngruppenkoryphäe des Allgemeinwissens. Heute ist er so was von überflüssig. Und wenn er dann ausnahmsweise doch mal nach etwas gefragt wird, weil … ja, weil vielleicht das W-LAN nicht funktioniert oder so … o.k., weil er unbedingt auch seinen Senf ungefragt hat dazugeben müssen, dann wird das gleich auf seine Richtigkeit googlend geprüft.

Ein aktuelles Foto von Manfred auf dem er fröhlich lacht.

Ach jaaa, damals

Herr W rutschte unruhig auf der Küchenbank hin und her, überlegte, ob sein Magen noch einem weiteren Cappuccino gewachsen sein würde. Damals, das waren einfach bessere Zeiten – sein Magen noch stabiler. Klar, dass die Boomer eine Lücke reißen, die die nachwachsende Generation nicht einmal ansatzweise wird schließen können. Niemals. Nie. Klar wie Kloßbrühe. So sicher wie das Amen in der Kirche. Die Boomer sind einfach unersetzlich, hören vor allem die bessere Musik. Von Bands, deren Namen man wenigstens noch kennt. Erstmal noch einen Cappuccino: Auf die Boomer! Wir sind die Besten! Herr W erhob sich mühsam – er liebte diese schräge Denke.

Sag zum Abschied leise Servus - Nicht Lebwohl und nicht Adieu - Diese Worte tun nur weh - Doch das kleine, Wörter´l, Servus - Ist ein lieber letzter Gruß - Wenn man Abschied nehmen muss.*

Also: Servus Manfred! In drei Monaten bist auch du … damals.

*Peter Alexander